Compassion: Raus aus der Ego-Falle

Münsterschwarzacher Kleinschriften 138

Kuld, Lothar

88 Seiten

9,95 €
Inkl. 7% Steuern

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Mitleid ist ein schwieriges Wort und ein zwiespältiges Gefühl. Leiden ist schlecht. Bemitleidet wollen wir nicht sein. Mit dem Wort, so scheint es, ging auch die Sache verloren. Die Wiederkehr des Mitleids in Form von Mitgefühl und Solidarität nicht nur in unserer Sprache, sondern eben auch in den Handlungen, die wir uns vorstellen können, hat zu weiteren Unterscheidungen geführt, aber nicht unbedingt zu einer Aufwertung des Mitleids. Mitleid ist noch immer schlecht. Mitleid hilft nicht, sagt man. Niemand braucht Mitleid. Man verbittet sich Mitleid. Drehen wir die Sache um und fragen wir, was Menschen brauchen, dann ist es der Blick des anderen, seine Anerkennung, sein Mitgefühl. Mitfühlend wollen wir gerne sein. Mitgefühl zu empfi nden ist etwas Starkes. Das Mitgefühl wie die Solidarität ist die Brücke zum Mitmenschen. Sich vorstellen, was ein anderer empfi ndet, ist ein Ausdruck menschlicher Intelligenz. Nur ist solche Einfühlung noch nicht Mitleid. Es muß schon die Empörung hinzukommen und die Aktion, durch die wir das Leiden der anderen und ihren Schmerz in unser Leben hineinnehmen und zu MitLeidenden werden. Wir haben dann Mitleid, wir sind nicht Mitleid, sondern haben es. Wir können daher dieses Gefühl zulassen oder unterdrücken. Manchmal täuscht uns das Mitleid. Es war grundlos. Es wurde mißbraucht, wie jedes Gefühl, das einer zeigt, mißbraucht werden kann. Damit lebt, wer das Mitleid riskiert. In der Literatur hat man für dieses Mitleid den Begriff Compassion gefunden, am besten vielleicht mit 'MitLeidenschaft' übersetzt. Er enthält das Moment der Aktion, die einen Menschen aus einem Impuls heraus einfach mitfühlend handeln läßt: ein Telefonanruf, ein kurzer Besuch, eine kleine Besorgung für Menschen, von denen man weiß, daß sie darauf warten, daß ihnen einer etwas vorbeibringt. Viele Menschen haben das Gefühl, daß sie mehr für andere tun könnten, und haben ein wenig ein schlechtes Gewissen. Aber darum geht es nicht. Sie stecken fest. Alte Bindungen lösen sich auf, die Nachbarn sind weggezogen, man bleibt 'in Verbindung' und ist irgendwie allein mit sich beschäftigt, nicht unglücklich, vielleicht von der Arbeit erschöpft. Man engagiert sich und fragt sich wozu, oder man engagiert sich nicht, weil man nicht weiß für wen. Die Ego-Falle, wie wir diese Konstellation nennen können, ist aufgestellt. Wir entgehen ihr nicht sofort, aber wir entgehen ihr ganz sicher, wenn wir erfahren, daß wir als Mitmensch gebraucht werden und unsere Mitleidenschaft gefragt ist. Um diese Fragen soll es in diesem Buch gehen: um einen neuen Blick auf das Mitleid in einer Welt der fl exiblen Bindungen, um Compassion als Gefühl und als Haltung, die zum Handeln drängt.

Mitleid ist "out". Denn oft wird es verwechselt mit Mitjammern oder anhaltendem Bedauern eines anderen. Häufig wird auch Selbstaufopferung statt Mitleiden zur Tugend erhoben. Gleichzeitig nimmt nachbarschaftliche Hilfe oder familiäre Unterstützung durch die Entwicklung zu Klienstfamilie oder hektischem Singleleben immer mehr ab. Die Gefahr, in der Ego-Falle zu landen, ist groß. Das Compassion-Projekt zeigt, daß es auch anders geht.

Dr. theol. habil. Lothar Kuld, geboren 1950, ist Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Seine Arbeitsschwerpunkte sind ethisches und soziales Lernen, religiöse Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen und theologische Biographieforschung. An der Konzeption des Compassion-Projekts, ein Projekt sozialen Lernens an Schulen, war er von Beginn an beteiligt.

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Autor Kuld, Lothar
Verlag Vier-Türme GmbH Verlag
ISBN 9783878686385
ISBN/EAN 9783878686385
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Lieferbarkeitsdatum 09.05.2022
Einband Kartoniert
Format 0.7 x 18.5 x 10.4
Seitenzahl 88 S.
Gewicht 94

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Verlag Vier-Türme GmbH Verlag
ISBN 9783878686385
Format 0.7 x 18.5 x 10.4
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Mitleid ist ein schwieriges Wort und ein zwiespältiges Gefühl. Leiden ist schlecht. Bemitleidet wollen wir nicht sein. Mit dem Wort, so scheint es, ging auch die Sache verloren. Die Wiederkehr des Mitleids in Form von Mitgefühl und Solidarität nicht nur in unserer Sprache, sondern eben auch in den Handlungen, die wir uns vorstellen können, hat zu weiteren Unterscheidungen geführt, aber nicht unbedingt zu einer Aufwertung des Mitleids. Mitleid ist noch immer schlecht. Mitleid hilft nicht, sagt man. Niemand braucht Mitleid. Man verbittet sich Mitleid. Drehen wir die Sache um und fragen wir, was Menschen brauchen, dann ist es der Blick des anderen, seine Anerkennung, sein Mitgefühl. Mitfühlend wollen wir gerne sein. Mitgefühl zu empfi nden ist etwas Starkes. Das Mitgefühl wie die Solidarität ist die Brücke zum Mitmenschen. Sich vorstellen, was ein anderer empfi ndet, ist ein Ausdruck menschlicher Intelligenz. Nur ist solche Einfühlung noch nicht Mitleid. Es muß schon die Empörung hinzukommen und die Aktion, durch die wir das Leiden der anderen und ihren Schmerz in unser Leben hineinnehmen und zu MitLeidenden werden. Wir haben dann Mitleid, wir sind nicht Mitleid, sondern haben es. Wir können daher dieses Gefühl zulassen oder unterdrücken. Manchmal täuscht uns das Mitleid. Es war grundlos. Es wurde mißbraucht, wie jedes Gefühl, das einer zeigt, mißbraucht werden kann. Damit lebt, wer das Mitleid riskiert. In der Literatur hat man für dieses Mitleid den Begriff Compassion gefunden, am besten vielleicht mit 'MitLeidenschaft' übersetzt. Er enthält das Moment der Aktion, die einen Menschen aus einem Impuls heraus einfach mitfühlend handeln läßt: ein Telefonanruf, ein kurzer Besuch, eine kleine Besorgung für Menschen, von denen man weiß, daß sie darauf warten, daß ihnen einer etwas vorbeibringt. Viele Menschen haben das Gefühl, daß sie mehr für andere tun könnten, und haben ein wenig ein schlechtes Gewissen. Aber darum geht es nicht. Sie stecken fest. Alte Bindungen lösen sich auf, die Nachbarn sind weggezogen, man bleibt 'in Verbindung' und ist irgendwie allein mit sich beschäftigt, nicht unglücklich, vielleicht von der Arbeit erschöpft. Man engagiert sich und fragt sich wozu, oder man engagiert sich nicht, weil man nicht weiß für wen. Die Ego-Falle, wie wir diese Konstellation nennen können, ist aufgestellt. Wir entgehen ihr nicht sofort, aber wir entgehen ihr ganz sicher, wenn wir erfahren, daß wir als Mitmensch gebraucht werden und unsere Mitleidenschaft gefragt ist. Um diese Fragen soll es in diesem Buch gehen: um einen neuen Blick auf das Mitleid in einer Welt der fl exiblen Bindungen, um Compassion als Gefühl und als Haltung, die zum Handeln drängt.

Mitleid ist "out". Denn oft wird es verwechselt mit Mitjammern oder anhaltendem Bedauern eines anderen. Häufig wird auch Selbstaufopferung statt Mitleiden zur Tugend erhoben. Gleichzeitig nimmt nachbarschaftliche Hilfe oder familiäre Unterstützung durch die Entwicklung zu Klienstfamilie oder hektischem Singleleben immer mehr ab. Die Gefahr, in der Ego-Falle zu landen, ist groß. Das Compassion-Projekt zeigt, daß es auch anders geht.

Dr. theol. habil. Lothar Kuld, geboren 1950, ist Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Seine Arbeitsschwerpunkte sind ethisches und soziales Lernen, religiöse Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen und theologische Biographieforschung. An der Konzeption des Compassion-Projekts, ein Projekt sozialen Lernens an Schulen, war er von Beginn an beteiligt.

 

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